Es stinkt mir
02. September 2011 aus Alltägliches
Begonnen hat alles damit, dass ich einen Aushang am schwarzen Brett des Klinikums entdeckt habe. Da stand in großer, gesperrter Schrift zu lesen: »Raucherberatung« und darunter: »Wir, von der klinischen Psychologie, freuen uns auf Sie!«
Mein erster Gedanken war: Rauchen und ehemalige PsychologiestudentInnen – das klingt vielversprechend, da muss ich hin!
Aber Spaß beiseite: Dieses Beratungsangebot richtet sich selbstredend an all jene Rauchwarenverehrer, die festen Willens sind, das Aufgeben des Rauchens in Angriff zu nehmen. Und genau aus diesem Grund habe ich mich gestern zu einem vereinbarten Zeitpunkt dort eingefunden. Nach einer Stunde ging ich mit einem Kopf voller Denkanstöße und einer Handvoll Nikotinpflaster-Proben ins verlängerte Wochenende.
Warum ausgerechnet jetzt?
Freunden und Kollegen, die mich als leidenschaftlichen und Leiden schaffenden Raucher kennen, wird sich diese Frage vermutlich aufdrängen. Darauf kann ich nur antworten, dass mir dieses Laster im Grunde gewaltig stinkt. Nicht erst seit gestern und die Gründe dafür sind nicht in einem Satz zu erläutern. Es sind viele Faktoren, die hier zusammenspielen.
Lebensqualität
Dieser Aspekt wiegt für mich am schwersten und belastet mich schon seit längerem. Viele Menschen, mit denen ich mich umgebe - seien es nun Freunde oder Kollegen - sind Nichtraucher. Und meist fällt es mir in deren Gesellschaft um ein Vielfaches leichter, auch mal auf das Rauchen zu verzichten, weil mir schmerzlich bewusst wird, wie erbärmlich mein Suchtverhalten ist.
Verallgemeinert kann ich sagen, dass durch einige Begleiterscheinungen des Rauchens meine Lebensqualität massiv eingeschränkt ist. Ein Umstand, den ich nicht länger hinnehmen will.
U.a. belastet mich Folgendes:
- Der Gestank, der sich überall dort, wo ich rauche, festsetzt - insbesondere zu Hause
- Die Duftnote, die mich permanent umhüllt
- Das Unwohlsein bei dem Gedanken, längere Zeit nicht rauchen zu können oder zu dürfen
Und nicht zuletzt natürlich die seit einigen Jahren schwindende gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber dem Rauchen und die verschärften gesetzlichen Bestimmungen. Ich denke dabei gerne an ein Café in meiner Nähe. Dort trennt eine große Glasfront den Nichtraucher- vom Raucherbereich. Während Ersterer immer sehr gut besucht ist, frönen meist nur 3-4 Gäste dem blauen Dunst, während sie ihr Frühstück einnehmen. Wie Hannibal Lecter, der in seiner Glaszelle ein abgesondertes Dasein fristet.
Dieser für mich wichtige Aspekt der eigenen Lebensqualität dient mir auch als stärkste Motivation. Als ich vor einigen Jahren das Rauchen für 18 Monate aufgab, hatte ich die Erfahrung gemacht, dass sich die oben angeführten Begleitumstände überraschend schnell in Wohlgefallen auflösen. Oder soll ich sagen in Rauch?
Finanzielles
Nicht selten verzichte ich darauf, mir selbst eine Freude zu machen, weil mir wohler dabei ist, das Geld auf dem Konto zu belassen. Abertausenden Mitmenschen, die mit einer geregelten Arbeit ihr Auslangen finden müssen, ergeht es vermutlich ganz ähnlich. Diesem Spargedanken handle ich jedoch zuwider, indem ich jeden Monat mehr als zweihundert Euro durch den sprichwörtlichen Schornstein jage. Etwas poetischer ausgedrückt: Alle sechs Monate verkohlt ein durchaus brauchbarer Laptop in der Glut meines Lasters. Dies habe ich schlicht satt.
Gesundheit
Wenn ich bedenke, wie wenig ich in den letzten Jahren auf mich und meinen Körper geachtet habe, dann überrascht mich meine immer noch sehr gute Konstitution schon ein wenig. Nun stelle ich mir jemanden vor, der einen Oldtimer in sehr gutem Zustand besitzt. Würde dieser jemand dem Schmiermittel, welches Motor und Getriebe des Wagens benötigen, eine Messerspitze feinen Sandes beimengen? Und das Tag für Tag, über viele Jahre? Wohl kaum.
Noch habe ich die letzte Zigarette nicht geraucht
Aber aus den oben angeführten Gründen kann ich als vernunftbegabter Mensch nichts anderes mehr wollen, als das Rauchen aufzugeben. Der Tag X, an dem ich das erste Nikotinpflaster klebe und meine Zigaretten entsorge, will allerdings gut vorbereitet sein.
Der Tag X
Es muss ein Diensttag (nicht zu verwechseln mit Dienstag) sein. Aus einem einfachen Grund: Gehe ich am Ende eines Arbeitstages zu Bett, dann habe ich lediglich ein Drittel meines durchschnittlichen Tagespensums erreicht, wovon ich aber gut 80% vor bzw. nach der Arbeit konsumiert habe. Soll heißen, dass ich an einem Arbeitstag wesentlich weniger rauche, ohne dass mich das nennenswert belastet. Und auf Weniger zu verzichten sollte eigentlich leichter fallen.
Der erste Schritt
Wie ich im gestrigen Beratungsgespräch und auch von Betroffenen erfahren durfte, eignen sich die diversen Ersatztherapieprodukte überraschend gut, um der physischen Entzugserscheinungen Herr zu werden. Ein Experiment, auf das ich mich gerne einlassen will.
Eine weit größere Herausforderung wird es wohl sein, mein zwanghaftes und konditioniertes Verhalten unter Kontrolle zu bringen. Denn der Griff zur Zigarettenpackung verläuft bei mir so automatisch und oft auch so unbewusst, wie das Kratzen, wenn es mal wo juckt. Der erste Schritt wird also sein, Situationen, Umstände und Befindlichkeiten zu entlarven, die mich zur Kippe greifen lassen. Und wie? Indem ich über einen Zeitraum von einigen Tagen möglichst gewissenhaft zu dokumentieren versuche, wann und wo ich mir eine Zigarette anstecke. Und v.a. warum.
Und ich will von Beginn an Freunde, Kollegen und über lenna.at theoretisch alle Internetnutzer, an meinen Erfolgen und meinem Scheitern teilhaben lassen. Nicht zuletzt aus taktischen Gründen. Und sollte jemand auf diesen Beitrag stoßen, der ebenfalls festen Willens ist, das Rauchen aufzugeben oder dies kürzlich geschafft hat, dann freue ich mich selbstverständlich über einen etwaigen Gedankenaustausch.
« Vorheriger Beitrag • Nächster Beitrag »